Rollero.ch: Wie Schweizer Rollstuhlfahrer:innen die Schweizer Alpen neu erobern

Seit Jahrzehnten sind die Schweizer Alpen ein Paradies für Bergsteiger:innen und Wanderer:innen – doch wer die steilen Pässe, Gletscher und unwegsamen Routen nicht zu Fuß, mit dem Auto oder dem Zug bewältigen kann, steht vor einer Herausforderung. Rollstuhlfahrer:innen haben sich diese Hürden in den letzten Jahren immer wieder selbst erfinden müssen. Die Plattform dieser link zeigt, wie sie das seit 2019 mit einer einzigartigen Mischung aus Community, Technik und lokalem Engagement schaffen. Doch was genau macht diese Bewegung aus? Und wie verändert sie nicht nur die Art, wie Menschen mit Mobilitätseinschränkungen die Berge erleben, sondern auch die Infrastruktur und die Mentalität der Alpenregionen?

Technik und Innovation: Vom Rollstuhl zum Alltagstauglichen Bergfahrgerät

Die größte Hürde für Rollstuhlfahrer:innen in den Schweizer Alpen war lange Zeit die fehlende Technik. Während Wanderer:innen mit Gepäck oder Skifahrer:innen spezielle Ausrüstung nutzen, fehlte es für Rollstuhlfahrer:innen an passenden Lösungen. Seit einigen Jahren hat sich das jedoch dramatisch verändert. Die Entwicklung von stabilen, wasserdichten und auch für steile Gelände ausgelegten Rollstühlen – etwa vom Schweizer Hersteller Roller oder dem US-amerikanischen Recreational Vehicle – hat die Möglichkeiten deutlich erweitert. Doch die eigentliche Revolution kam mit der Idee, Bergfahrgeräte wie Rollstuhl-Snowboards oder Rollstuhl-Picknickwagen zu nutzen. Besonders beliebt ist dabei das Rollstuhl-Snowboard, das mit einem speziellen Seilzug über die Pisten gezogen wird. Die Plattform dieser link dokumentiert solche Projekte und zeigt, wie lokale Initiativen wie die Alpen-Rollstuhl-Community in Zermatt oder St. Moritz solche Geräte testen und weiterentwickeln.

Doch Technik allein reicht nicht. Wichtiger ist die Anpassung der Infrastruktur. Viele Schweizer Bergbahnen haben in den letzten Jahren ihre Rollstuhlzugänge erweitert – etwa die Gornergrat-Bahn, die seit 2020 einen speziellen Rollstuhlaufzug in der Station Gornergrat betreibt. Auch die Matterhorn-Gotthard-Bahn hat ihre Zugänge für Rollstuhlfahrer:innen deutlich verbessert. Doch es gibt noch viele Lücken. Besonders kritisch sind dabei die Gletscherpässe, wo die engen Routen und die unebenen Eisflächen noch immer eine große Herausforderung darstellen. Hier setzt die Rollstuhl-Spezialistin Lena Meier (aus dem Wallis) mit ihrem Projekt Rollstuhl-Alpin an: Sie organisiert regelmäßige Ausflüge auf den Schilthorn oder den Piz Bernina, bei denen sie die Teilnehmer:innen mit speziellen Seilbahnen und Hilfsmitteln unterstützt.

Die Rolle der Community: Von der Nische zur Bewegung

Was die Plattform dieser link besonders macht, ist ihre Community-Ansatz. Während es früher oft isolierte Einzelpersonen gab, die sich mit der Bergfahrt auseinandersetzten, hat sich in den letzten Jahren eine wachsende Gruppe von Rollstuhlfahrer:innen, Bergführer:innen und Technik-Enthusiasten gebildet. Diese Gruppe organisiert nicht nur Ausflüge, sondern entwickelt auch neue Ideen. Ein Beispiel ist das Projekt Rollstuhl-Wanderung auf den Jungfraujoch, das 2022 zum ersten Mal stattfand. Organisiert wurde es von der Alpenverein-Fachgruppe Rollstuhl in Zusammenarbeit mit der Swiss Touring Club. Dabei nutzten die Teilnehmenden eine Kombination aus Rollstuhl, Seilbahn und speziellen Treppenliften, um den höchsten Berg der Schweiz zu erreichen.

Die Community ist auch ein wichtiger Faktor für die Weiterentwicklung der Infrastruktur. Viele Initiativen setzen sich direkt bei den Bergbahnen, den Gemeinden oder den Tourismusverbänden für bessere Zugänge ein. So hat die Rollstuhlfahrer:innen-Gruppe aus Grindelwald beispielsweise erfolgreich Druck gemacht, damit die Grindelwald-First-Bahn ihre Rollstuhlzugänge an allen Stationen verbessert. Auch die Rollstuhlfahrer:innen von Davos haben sich mit lokalen Behörden zusammengeschlossen, um eine barrierefreie Infrastruktur für den Wengernalp-Bahn zu fordern. Solche Kampagnen zeigen, wie wichtig lokale Netzwerke sind, um langfristige Veränderungen zu bewirken.

  • Seit 2019 hat die Plattform dieser link über 500 Ausflüge in den Schweizer Alpen organisiert, darunter auch auf den Piz Bernina und den Matterhorn.
  • Die Gornergrat-Bahn bietet seit 2020 einen speziellen Rollstuhlaufzug in der Station Gornergrat an.
  • Die Alpen-Rollstuhl-Community in Zermatt hat bereits über 200 Teilnehmer:innen für Bergfahrten mit Rollstuhl-Snowboard oder Seilbahn unterstützt.
  • Die Swiss Touring Club hat 2022 ein Pilotprojekt für Rollstuhl-Wanderungen auf den Jungfraujoch gestartet.
  • Die Rollstuhlfahrer:innen-Gruppe Davos erreichte 2021 eine Verbesserung der Rollstuhlzugänge an der Wengernalp-Bahn.

Die mentalen Hürden: Von der Ablehnung zur Akzeptanz

Doch hinter den technischen und organisatorischen Fortschritten steht auch ein kultureller Wandel. In den Alpen war es lange Zeit tabu, dass Menschen mit Mobilitätseinschränkungen die Berge besteigen. Viele Bergführer:innen oder Bergbahnen sahen Rollstuhlfahrer:innen als eine Nische an, die nicht zum klassischen Alpenurlaub passte. Doch seit der Gründung der Plattform dieser link hat sich das verändert. Heute gibt es kaum eine Bergbahn oder eine Gemeinde, die Rollstuhlfahrer:innen nicht als Teil des Tourismus betrachtet. Besonders erfolgreich ist dabei das Projekt Rollstuhl-Alpin von Lena Meier, die mit ihren Ausflügen zeigt, dass Menschen mit Rollstuhl genauso die Alpen erleben können wie andere.

Dieser Wandel ist nicht nur auf die technische Seite zurückzuführen, sondern auch auf die Sichtweise der Teilnehmenden selbst. Viele Rollstuhlfahrer:innen, die die Alpen erkunden, erleben eine neue Form der Freiheit. Während sie früher oft nur kurze, flache Routen wählen mussten, können sie heute auch anspruchsvolle Pässe oder Gletscher erkunden. Das Projekt Rollstuhl-Wanderung auf den Piz Stelvio (in Italien, aber mit Schweizer Beteiligung) zeigt, wie weit diese Bewegung gekommen ist. Hier wurden die Teilnehmenden mit speziellen Seilbahnen und Treppenliften unterstützt, um den höchsten Berg der Lombardei zu erreichen. Solche Erlebnisse stärken nicht nur das Selbstvertrauen der Teilnehmenden, sondern auch ihr Engagement für eine barrierefreie Alpenkultur.